Cher in Berlin: Elefanten-Attrappe, Glitzer-Bademantel und durchweg gute Laune

Viele ältere, aber auch viele jüngere Menschen waren am Donnerstagabend in der ausverkauften Mehrzweckhalle am Ostbahnhof zu beobachten, als hier mit Cher eine unserer zeitlosesten Performerinnen zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder in Deutschland auftrat und mit ihrer in Vegas gereiften “Here we go again”- Show einen multimedial unterstützen Rundgang durch ihre bewegte Biografie präsentierte.

Zu Beginn performte Cher “Woman’s World” von ihrem 2013 erschienenen Album “Closer to the truth” und ließ sich dabei auf einem Trapez vor einem campen Gladiatoren-Tänzertrupp und einer Taj-Mahal-angelehnten Kulisse aus luftigen Höhen zur Bühne herabsenken; allein der Hintergund brachte also schon genügend an disparaten kulturellen Referenzen zusammen, doch Chers Einstiegsoutfit, eine Art ausladend glitzernder Bademantel zur noch ausladenderen blauen Perücke, drückte die wahre Überbrückungsgrätsche aus, die Cher so meisterhaft beherrscht und die ihren andauernden Erfolg garantiert: nämlich heimelige Mom, Glamourmodel, Showgirl, Schwulen-Ikone in einem zu sein – und dabei nach wie vor in ihrem unverändert sonoren Kraft-Alt zu singen.

Cher-Konzert in Berlin: Virtuelles Duett mit Sonny Bono

So bekamen wir im Laufe des Abends via virtuelles Duett mit ihrem verstorbenen Ehemann Sonny Bono die Sechzigerjahre-Sonny-and-Cher-Cher (“I got you babe”), die Abba covernde Siebziger-Cher (“Fernando”), die leicht bekleidete Lederjacken-Achtziger-Powerballeden-Cher (“If I could turn back time”) und natürlich zum Schluss die Spätneunziger-Hi-NRG-Tanzpop-Cher (“Believe”).

Aus popgeschichtlicher Sicht ist letztere Cher ja besonders erwähnenswert, schließlich war “Believe” das erste kommerzielle Popstück, in welchem der Autotune-Effekt verwendet wurde; Cher bestand damals trotz der Einwände ihrer Produzenten auf seiner Verwendung, das Lied wurde ein riesiger Comeback-Hit und in Folge klingen noch zwanzig Jahre später alle Pop-Vokalist*innen wie leicht deprimierte Roboter, ein angesichts fortschreitender KI-Entwicklung und Internetüberreizung doch recht plausibel anmutender Dauerzustand unser aller zukünftiger Existenzen.

Durchweg gute Laune beim Cher-Konzert in Berlin

In der Jetztzeit und im turbulenten Karriererückblick hingegen, durch den Cher und ihre bunte Truppe uns wirbelte, herrschte durchweg gute Laune, egal, ob bei einer längeren Ansprache, die in ihrer kaleideskopischen Nicht-Stringenz an die während Umkleidepausen erschienenden Youtube-Schnipselcollagen über Chers Karriere erinnerte und die vom Älterwerden und Jungbleiben ebenso handelte wie von Thomas Gottschalk – dieser sei sehr viel nicer als David Letterman – oder beim an sich dann doch eher lahmen Stück “After All”, während dem sich aber ein einsamer Mann im Publikum erhob, der ein formidabel leuchtendes T-Shirt mit vielen Avocados darauf trug.

Cher reitet auf einer Elefantenattrappe ein

Besonders viel Spaß machte Chers früher Einritt auf einer Elefantenattrappe, wozu sie ein indisches Mantra intonierte, um alsbald in Bollywood-Ambiente ihren House-Hit “All or Nothing” zu singen: Auch hier strahlte ihre Fähigkeit durch, kompromisslosesten Trash mit naiver Spiritualität und einem wiederum sehr abgebrühten Gespür für Entertainment zu vermengen und dabei trotz aller Kulissen und Musikstilwechsel immer dieselbe zu bleiben: So sind Stars, auf die man sich verlassen kann!

Verlässlich schrottig auch der Klang der Mehrzweckhalle, insbesondere bei einer Gitarrensoloeinlage, zu der der vorher eher betont farblos herumzupfende Tourgitarrist ein fulminantes Achtziger-Powergedengel aufführte – aber auch dies war uns egal, denn wenn Cher im Haus ist, ist man gut aufgehoben, da könnte sie auch Schönbergs “Gurrelieder” singen, aus einem Katalog für Rasenmäher vorlesen oder einfach wortlos so lässig winkend tanzen, wie sie es denn am Donnerstagabend auch tat. Hoffentlich kommt sie nicht erst in 15 Jahren wieder; immerhin sagte sie das doch bittersüße “I got you Babe” mit den Worten an, sie habe es sich ja eigentlich erst für die nächste Abschiedstour aufheben wollen. 

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