Castorf inszeniert Verdi: „Die Macht des Schicksals“ in der Deutschen Oper

Berlin –

Der „Engel der Verzweiflung“, von dem der Heiner Müller rezitierende, tanzende, in einen Pailletten-Slip gesteckte Indio erzählt, scheint recht konkret anwesend zu sein. Das Ächzen im Publikum der Deutschen Oper − an diesem Abend zeigt es sich äußerst reizbar − nimmt zu, die hämischen Kommentare auch, und als wenig später erneut ein Darsteller auf der Bühne erscheint, um einen Text zu rezitieren, ist es erst einmal aus: „Musik! Musik!“ oder auch „Wir wollen unseren Verdi wieder haben!“ So die zitierfähigen unter den nicht immer zitierfähigen Beiträgen aus dem Zuschauerraum. Die Streitigkeiten im Publikum schweifen bald ab − die Wege sind verworren − etwa zu Fragen der deutschen Einheit; am Ende der Vorstellung soll jemand gar die Polizei gerufen haben im Gefühl, er sei mit seiner Meinung unterdrückt worden.

Frank Castorf: Von den einen bejubelt, von den anderen ausgebuht

Ein hübsches Skandälchen, das sich zwischenzeitlich so gaudihaft ausnimmt, als sei es ein offizieller Teil dieser neuen Inszenierung von Giuseppe Verdis „Macht des Schicksals“. Frank Castorf jedenfalls, der nach seinen Jahren an der Volksbühne hier zum ersten Mal in Berlin eine Oper inszenierte, sieht nicht unzufrieden aus, als er am Ende vor den Vorhang tritt. Ein Lächeln hier, Kusshändchen da, schwänzelnder Abgang von der Bühne. Es ist ja auch nicht so, dass alle buhen würden. Der Anteil an Castorf-Anhängern und Castorf-Verächtern hält sich etwa die Waage.

Die Unruhe im Publikum setzt zu einem Zeitpunkt ein, da die Inszenierung − nicht zuletzt durch die Textcollagen − eigentlich an Fahrt aufnimmt. Zuvor herrschte bemerkenswerte Langeweile. Die Handlung aus dem spanischen Erbfolgekrieg versetzt Castorf, angeregt von Curzio Malapartes Roman „Die Haut“ ins Italien und Spanien des Jahres 1945, Aleksandar Denic baute Bretterverschläge, Sandsackbunker und ein Feldlazarett nach, all das in einer Detailverliebtheit, die eine romanhaft breite Bespielung erhoffen lässt. Sänger und Chor stehen allerdings meist unversorgt herum. Wenn Leonoras Kammerzofe im ersten Akt aus einem Korb voller Austern nascht und dabei erkennbar in den Genuss einer aphrodisierenden Wirkung kommt, so ist das eher eine Ausnahme an szenischem Einfallsreichtum.

Live-Schaltung in den Operationsbereich des Lazaretts

Ziemlich viel spielt sich hingegen auf der Leinwand ab, die gleich während der Ouvertüre herunterfährt: Videoprojektionen aus dem Inneren von Denics Bühnenbild, die neu erfundene Erzählstränge behandeln. Das Treiben einer Mafia-Bande, die über die Verteilung von Care-Paketen bestimmt, später die Live-Schaltung in den Operationsbereich des Lazaretts, wo latexbekleidete, knapp behoste Krankenschwestern beim blutreichen Operieren (oder Schlachten?) helfen. Castorf, der sich durch die gebundene Form eines Stückes stets herausgefordert fühlt, versucht mit solchen Projektionen der unauflösbaren Gebundenheit einer Oper zu entkommen. Die Musik läuft weiter und erzählt allerdings von völlig anderen Dingen als jenen, die auf der Leinwand so prominent zu sehen sind.

Die Ablenkung von den Sängern lässt hervortreten, was Castorf am Stück besonders interessiert: das Panorama des Krieges, das sich hinter der Liebesgeschichte zwischen Leonora und dem von einer Inka-Prinzessin abstammenden Don Alvaro auftut. Zu sehen ist ein nostalgisches, fast romantisches Bild vom Krieg mit zigaretterauchenden, whiskytrinkenden GIs, schlitzohrigen Klerikern und gewitzten Gaunern. Das ist, wenn es nicht allzu grausam wird, pittoresk anzuschauen, eine Aussage zu Kriegen in aktueller Form braucht man nicht abzuleiten. Sogar der „American Dream“ ist bei Frank Castorf noch intakt, wenn ganz am Ende der Oper das Treiben am New Yorker Times Square gezeigt wird als Hoffnungsbild einer glückstrahlenden Leonore.

Das Orchester der Deutschen Oper musiziert

Ähnlich nett wird dazu musiziert: vom Orchester der Deutschen Oper, das Jordi Bernàcer solide durch das Werk führt, ohne bemerkbare Akzente zu setzen. Die Vorgänge auf der Bühne scheinen ihn nicht übermäßig zu inspirieren, Gestaltungsräume in jenen Bereichen, die Castorf nicht besonders interessieren − die genauere Zeichnung der Hauptfiguren etwa − lässt er ungenutzt.

María José Siri singt die Leonora mit düster grundiertem Sopran, Russell Thomas als Alvaro ist ihr hell tönendes Gegenstück: mit metallischem Glanz und erheblicher Kondition im Forte. Markus Brück singt einen grimmigen Don Carlo, der sich am Ende offenbar zu Tode raucht, Misha Kiria ist ein kecker Melitone, von dessen vorklerikalem Leben die Tätowierungen am Oberkörper erzählen. Pittoresk ist auch das.

Macht des Schicksals 14., 21., 24., 28.9. jeweils 19 Uhr, Deutsche Oper, Karten unter Tel.: 34384343 oder: deutscheoperberlin.de

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