Berlinale-Wettbewerb : Märchen „The Kindness of Strangers“ eröffnet Filmfestival

Der Film „The Kindness of Strangers“erhält drei von fünf Sternen. ★★★

Gemeinschaft braucht Räume. In „Italienisch für Anfänger“, mit dem Lone Scherfig 2001 den Silbernen Bären gewann, war es eine Kirche, zweckentfremdet für einen Italienisch-Kurs. In „The Kindness of Strangers“ gibt es wieder so ein Gotteshaus. Diesmal trifft sich hier der Therapiekreis „Vergebung“, für, wenn man so will, anonyme Miesepeter. Das führt schon nah zum Thema von Scherfigs Film, mit dem am Donnerstag die Berlinale eröffnet wurde.

„The Kindness of Strangers“: Tiefster Winter in New York

Aber der Räume sind noch mehr. In einem Obdachlosenheim, es ist tiefster Winter in New York, bekommen die Ärmsten Essen und ein Bett für die Nacht. In einem russischen Restaurant, geführt von einem verdächtig britischen Russen, kommen die Liebessuchenden nach und nach zusammen. Es sind Orte und Räume, in denen Menschen auf Mitgefühl und Anteilnahme hoffen und sich ein wenig das Herz wärmen können. Und natürlich steht dahinter die Idee, auch das Kino könnte solch ein Ort sein.

Auf der Pressekonferenz zu ihrem Film räumte Scherfig die Ähnlichkeit zu ihrem früheren Erfolg freimütig ein. Erstmals seitdem stammt das Drehbuch ausschließlich von ihr, wieder ist es ein Ensemblefilm, und auf die „Freundlichkeit von Fremden“ lief schon in „Italienisch für Anfänger“ alles hinaus.

 „The Kindness of Strangers“: Protagonisten kreisen um zwei Pole

Doch thematisch, meint Scherfig zu Recht, sei ihr neuer Film viel breiter angelegt. Missbrauch, vor allem gegenüber Frauen und Kindern, spielt eine große Rolle. Und die Obdachlosigkeit ist nicht mehr bloß spirituell gemeint, etwa als Problem eines glaubensschwachen Pfarrers, sondern sehr konkret.

Um zwei Pole kreist Scherfigs Ensemble: Da wäre zum einen Clara (Zoe Kazan), die mit ihren kleinen Söhnen vor dem prügelnden Ehemann flieht. Eigentlich eine Mittelschichtsexistenz, steht sie plötzlich ohne Geld da und will ihre Nöte vor den Kindern verbergen.

Lone Scherfig eignet sich neue Eleganz an

Bevor sie unter dem Flügel von Timofeys (Bill Nighy) Restaurant landen, hat sie mehrere Buffets geplündert sowie sich im Luxuskaufhaus das gesamte Kostüm von Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ zusammengeklaut – der Film spielt mit einigen New-York-Klischees. Am gebenden Ende der Skala sieht man Alice (Andrea Riseborough) als Krankenschwester, Therapeutin und multibegabten Hilfeengel, der ihre grenzenlose Gutherzigkeit privat kein Glück bringt.

„Italienisch für Anfänger“ war ein Dogma-Film. Wackelkamera und nervöser Schnitt, die Kennzeichen des damals so ungemein frischen Stils, sind bei Scherfig längst einer Eleganz gewichen, die sie sich vor allem in britischen Literaturadaptionen und Historienfilmen („An Education“) angeeignet hat.

„The Kindness of Strangers“ fordert den Zuschauer heraus

Und so merkt man gerade im Vergleich, wie viel echter die damaligen Figuren wirkten, wie viel größer ihre viel kleineren Probleme. „The Kindness of Strangers“, eine dänisch-kanadische Koproduktion, erscheint demgegenüber fast kitschig – am positiven Ausgang gibt es kaum einen Zweifel –, ein Weihnachtsmärchen mit vielleicht allzu exemplarischen Figuren.

Doch eben diese miesepetrige Sicht ist es, die Scherfig herausfordert mit ihrem Film, der uns ganz unsubtil zwingen will, hinzusehen. „Sie sehen mich an wie ein Stück Dreck“, sagt ein Obdachloser zur Teilzeitbettlerin Clara. „Sie sind nicht besser als ich.“ So ist es, das Leid kann jeden treffen, und für solche Erkenntnisse des Sehens ist das Kino ein guter Ort. Lone Scherfig versteht ihn noch immer zu nutzen, mit warmem Humor und viel Herz.

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