„Baal“ im Berliner Ensemble : Ein toter Traumbilderbogen

Im Berliner Ensemble wird ein neuer „Baal“ gespielt. Es inszenierte in eigener Ausstattung der viel geehrte und gebuchte Regisseur Ersan Mondtag. Stefanie Reinsperger spielt die Titelrolle. Man hat an diesem Hause schon einige schlechte Erfahrungen mit hohen Erwartungen gemacht (mit niedrigen leider auch), aber das hier sind gute Voraussetzungen für ein Theaterereignis.

Bertolt Brecht konnte seinen frühen Wurf von 1918 über die Jahrzehnte und Systeme hinweg nicht loslassen. Dieses ausgeilende und todesmutige Lyrikertier Baal, dessen Gedichte von Lebenssaft triefen und stinken, der die Gesellschaft angreift und von ihr ausgeschieden wird, der Frauen misshandelt, seinen Freund in sein Herz sehen lässt und ihn tötet und der nicht zuletzt seiner Mutter großen Kummer macht – dieser Baal, er zuckt und west noch heute. Immer wieder hat Brecht Baal neu zu fassen versucht, an ihm herumoperiert, unglücklich, weil er als Dichter inzwischen zu reif war und als Mensch zu erfahren, um sich seiner Figur zu nähern, ohne ihr das finstere Geheimnis der bösen jungen Kraftseele wegzuleuchten und abzumatten.

Mit freundlicher Genehmigung

Ersan Mondtags „Baal“-Spiel ist nun am Freitag ganz unbekümmert, schmerzfrei und farbenfroh zur Premiere gekommen. Gespielt wird – mit freundlicher Genehmigung der Nachlassverwaltung – ein texttreues, aus allen Fassungen gesampeltes Stück. Die Schauspieler sind auf die Mondtag’sche Weise verkünstlicht: Ihre Gesichter – bis auf die der drei Hauptrollen – sind stark überschminkt, die Kostüme steif und überzeichnet, ihre nackten Leiber mit ausgebeulten Stoffhäuten überzogen, auf welche geschlechtsneutrale Körperkonturen bunt und kräftig aufgepinselt sind. Die Drehbühne stellt vier halbwegs konkrete Spielorte dar – Stadt, Spelunke, Dachkammer, Wald. Wenn die nackte pimmelbewehrte Fünfmeter-Barbie nicht wäre, könnte man sich in einem Kinderbuch wähnen. Ein Vollmond leuchtet, Spieluhrmusik plingt, Nebel wallen, Blitze zucken.

Es ist eine abgedichtete, giftig überzuckerte, beliebig zusammengesteckte Kulissenwelt mit abstrakten Menschenpuppen, die formal agieren und sprechen, sich nur zeichenhaft begegnen und verständigen, trocken, programmiert, ohne dialogisches Spiel. Die Zuschauer bleiben unbehelligt und sehen von Fern auf ein Schneekugelbestiarium, in dem später auch noch die obligatorischen Flocken schweben.

Wo bleibt Mondtag?

Mondtag hat bei dem Licht- und Schattendesigner Robert Wilson, dem Zeige- und Kasperspieler Claus Peymann hospitiert, aber auch bei dem Qual- und Totaltheaterwüterich Vegard Vinge mitgemacht. An diesem sorglos eklektizistischen Abend ist das unübersehbar; man ahnt, wo sich die abgekochte Ästhetik der Altmeister mit dem weltaufbrechenden Zeichenfuror Vinges treffen – im mehr oder weniger zweifelzerrissenen Narzissmus, in der mehr oder weniger routinierten Weltabgewandtheit und in der ästhetischen Behauptungsfreude, die auch ein Behauptungszwang sein könnte.

Wo bleibt bei alledem Mondtag? Kann sein, dass es eitle Selbstüberschätzung wäre, wenn sich der Regisseur mit dieser Titelfigur und ihrer Not identifizierte. Aber solch sicheren Abstand zu wahren, sich ästhetisch drüber zu stellen, ist nicht nur noch vermessener, sondern auch risikofrei und langweilig.

Die großartige Stefanie Reinsperger ist hoffnungslos eingeklemmt in dieser Klimperkunstwelt. Ihre Spielfreude blitzt auf, ihr athletischer Denk- und Sprechapparat strotzt. Dennoch liefert sie – bis ins Seelenspiel hinein, mit Weinkrämpfen, Lachattacken, Sangeskunst, Wahnsprechphasen und immer neuen Anläufen – ein kaltes, nacktgesichtiges Virtuosenstück im Schminkkasten.

Getöteter und toter Baal

Mondtag hat in seinen gar nicht fernen Lehrjahren auch bei Frank Castorf zuschauen dürfen. Und natürlich denkt man mit Schmerz an dessen Münchner „Baal“-Inszenierung (2015). Hier wurde Baal mit Kurtz, einem anderen egomanischen Zivilisationsflüchtling aus Joseph Conrads „Im Herz der Finsternis“ (und aus der Verfilmung „Apocalypse Now“), verschnitten. Castorf verrührte Baal/Kurtz zum Selbstporträt eines Genies – und verstieß dabei gegen das Fremdtextverbot. Verlag und Erbin klagten auf Unterlassung, und die Inszenierung musste nach der fünften Vorstellung bei lebendigem Leibe abgesetzt werden. Barbara Brecht-Schall ist drei Monate später gestorben, ihre Töchter, die Regisseurin Johanna Schall und die Kostümbildnerin Jenny Schall, haben nun die Rechte an Brechts Werken inne, bis diese in sieben Jahren gemeinfrei sind. Johanna Schall wurde im Publikum gesichtet, aber nur bis zur Pause. „Heute Abend weiß ich genau, warum ich Frank Castorf (auf eine kritische Art) liebe!“, ließ sie danach über die sozialen Medien wissen. Mondtags Traumbilderbogen wird laufen dürfen, so tot er auch ist.

Baal. 20., 21.9.; 12., 13.10., 19.30Uhr, Berliner Ensemble, Karten unter Tel.: 28408155 oder: berliner-ensemble.de

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