Autorentheatertage: Ein Fest der Gegenwartsdramatik im Deutschen Theater

Plötzlich trägt Martin Wuttke ein schwarz-gelbes Show-Kostüm, es ist wohl das dritte oder vierte an diesem Abend – die diversen Langhaarperücken und Bärte nicht eingerechnet – und legt sich zum Nickerchen aufs Polster. So ganz bequem will der fleischige Innenhandballen der Riesengorilla-Hand als Polster aber nicht werden, denn Wuttke windet sich, bäuchlings, rücklings, rutscht hoch in Richtung Arm, dann wieder runter gen Finger und klemmt sich am Ende dann wie ein Zahnstocher zwischen Daumen und Mittelfingerkuppe, was gerade in seiner grotesken Gymnastik aber den gewünschten Liegeerfolg bringt.

Gut gelaunter Abend

Nein, kein Ort für den üblichen Lauf der Dinge, über den die drei wunderbaren Schauspieler Katrin Angerer, Marie Rosa Tietjen und ein bestens aufgelegter Wuttke hier durchdringend rätseln, ist die gruselige King-Kong-Hand, die eigentlich sehr gütig aus dem Schnürboden hängt. Genau in dieser Paradoxie aber ist sie der beste Ort darüber nachzudenken, wo und wie das größte Mysterium überhaupt, „das Reale“, dem René Pollesch hier wie in allen Stücken nachspürt, einen Platz finden kann. Nein, einfach abzubildende „Realität“ ist es nicht, dieses „Reale“, das weder im Wörtlichen noch im Symbolischen steckt. Viel eher in dem aus der Filmbranche bekannten, ganz materialistisch entstehenden Anschlussfehler. Oder einfach im „Knacks“, in den dieser gut gelaunte Abend überraschend klar einführt.

Es ist Sonntagabend, als wir in dem geistreich verdutzten King-Kong-Theater mit dem Titel „Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis“ vom Zürcher Schauspielhaus sitzen und zum ersten Mal in den vergangenen vier Tagen so etwas wie Begeisterung, ja Festivalstimmung im DT zu spüren ist. Seit Donnerstag laufen im ganzen Haus zum zehnten Mal nun die Autorentheatertage, die mit zehn Gastspielen und sechs Halb- bis Ganzpräsentationen neuster Stücke der Gegenwartsdramatik ein Fest bereiten wollen.

Das große Miteinander

Erst mit diesem vierten Abend des nun auch nicht mehr ganz neuen Performance-Klassikers René Pollesch aber, in dem drei Schauspieler sich mit all ihrer herrlichen Lässigkeit gegen die leere Routine einer schon wieder vergessenen Shakespeare-Aufführung stemmen, stattdessen das Ereignis des gemeinsamen Sprechens, Denkens und einfachen Seins zurück auf die Bühne holen, versteht man plötzlich, worunter Gegenwart allgemein und ihre Dramatik insbesondere leidet: dass sie am Anfang ihr Ende immer schon mitweiß, dazwischen deswegen nie wirklich etwas passieren kann.

Nicht so am Sonntag, als das ausströmende Publikum um 22 Uhr noch auf dem Theatervorplatz stehen bleibt, um das große Miteinander dieses kleinen Abends weiter zu denken. Vielleicht hätte auch Armin Petras’ Inszenierung seines eigenen Textes „Love You, Dragonfly“ (unter seinem Autorenpseudonym Fritz Kater) aus Bremen ähnliche Wirkung gehabt, hätte er nicht kurzfristig wegen Krankheit abgesagt werden müssen.

Von Kleist bis Müller

Wenn auch komplett anders als Pollesch, versucht auch Kater, nicht einfach vermeintliche Gegenwart abzubilden. Vielmehr taucht er in sechs Bildern in sechs verschiedene Vergangenheiten ein – vom Sowjetrussland der 30er-Jahre über das Frankreich der 60er bis hin zu den USA der nahen Zukunft. Vor allem aber schreibt er darin literarische Vorlagen von Kleist über Heiner Müller bis Georges Bernanos wie Spuren der Geschichte ins Heute weiter. Faszinierend an diesen teils sehr poetischen Skizzen ist, wie tief sie in die Schmerz- und Grenzregionen ihrer Figuren eindringen, Widersprüche, ja auch Paradoxien herausarbeiten, um und gegen die sich Leben nun mal maßgeblich entwickelt.

Liebe, Begehren, Schuld und Missbrauch, das alles verbindet sich in der Geschichte von einem alten Mann und einem Mädchen, das sich von ihm magisch angezogen fühlt, am Ende jedoch vergewaltigt wird, auf höchst subtile Weise. Beklemmend ist das, doch in seiner Zerrissenheit so viel substanzreicher als all die halb durchdachten, naiv bleibenden Sprachspielereien der meisten neuen Texte, die in diesem Jahr erstmals auch in einem Leseparcours namens „Menschen, Tiere, Religionen“ in Häppchenauszügen dargeboten wurden. Den platteren Texten diente es, den feineren, wie dem absurden Migrantendrama von Svenja Viola Bungarten, schadete es.

Weihevolle One-Man-Show

Beispielgebend für die auf halber Strecke verharrende Gegenwartsdramatik ist auch Boris Nikitins „Aufführung einer gefälschten Predigt über das Sterben“, die das Nürnberger Staatstheater ans DT schickte. Sie tut, was Predigten tun: mit monologischer Verführungstechnik etwas propagieren. Hier: eine Form christlicher Sterbeethik. Egal wie sarkastisch-kritisch Nikitin die weihevolle One-Man-Show auch meint, sie bleibt nur Machtdiskurs, der alle Widersprüche in sich verschluckt.

Ganz unerwartet knüpfte er damit auch noch an das eigentlich besonders vielstimmig sein wollende Gastspiel aus Köln an, das mit seiner Uraufführung des skialpinen Missbrauchsstücks „Schnee Weiss“ von Elfriede Jelinek die Autorentheatertage groß eröffnen sollte. Leider versandete der textlich eingeebnete, auch spielerisch fahrige Aufsageabend in Stefan Bachmanns ideenlosem Einerlei von Puppenkopf-Auf- und Abtritten.

Autorentheatertage bis 8.6., Deutsches Theater Tel: 28441221 oder: deutschestheater.de