Amélie Losier und Marwan Tahtah in der Potsdamer AE-Galerie

Bei dieser Ausstellung lief so gut wie nichts nach Plan. Entspannen, Freizeit machen in der Stadt – das war das Thema, das die Potsdamer Galeristin

Angelika Euchner in einer
Fotoausstellung über
Berlin und
Beirut Anfang des Jahres zeigen wollte.

Doch dann kam Corona und die Schau musste verschoben werden. Und dann? Dann flogen im Hafen von

Beirut am 4. August 2750 Tonnen Ammoniumnitrat in die Luft und legten dort einen ganzen Stadtteil in Schutt und Asche.

Kann man da noch Bilder von entspannten Städtern beim Picknicken auf dem Teufelsberg oder beim Baden entlang der Corniche, der

Uferstraße am
Mittelmeer in
Beirut zeigen? Nicht wirklich. Aber was dann? Fotos von der Katastrophe gab es in den vergangenen Monaten zuhauf. Wozu also diese erneut zeigen? „Wir wollten uns an dieser Zerstörung nicht auch noch ergötzen“, sagt
Angelika Euchner. Berlin
Beirut
Berlin: Durch die Ausstellung geht ein Riss

Berlin
Beirut
Berlin“ ist trotzdem eine andere Ausstellung geworden. Im Obergeschoss weitgehend das alte Konzept: entspannte Szenen in der deutschen und der libanesischen Hauptstadt mit Arbeiten der französischen Fotojournalistin
Amélie Losier und ihres libanesischen Kollegen
Marwan Tahtah. Der Gang ins Untergeschoss führt dann aber in die Hölle von
Beirut. Dort hängen vor allem
Tahtahs Bilder vom August und September, also unmittelbar nach der Explosion.

Entspannt auf der Karl-Marx-Alle. Ein Foto der französischen Fotojournalistin Amélie Losier in der Ausstellung “Berlin-Beirut-Berlin“  in der Potsdamer AE-Galerie.

Entspannt auf der Karl-Marx-Alle. Ein Foto der französischen Fotojournalistin Amélie Losier in der Ausstellung “Berlin-Beirut-Berlin“  in der Potsdamer AE-Galerie. Quelle: Bernd Gartenschläger

Damit geht ein Riss durch die Ausstellung. Hier die entspannte Erregung der Freizeitgesellschaften, wie sie in den meisten Großstädte anzutreffen ist, selbst in

Beirut, nachdem Jahrzehnte lang ein
Bürgerkrieg tobte. Dort nun aber zugleich der Anblick einer zerstörten Stadt – Bilder, die von Panik, Entsetzen und zugleich von der Stille nach dem Sturm erzählen.

Selbstverständlich hat

Marwan Tahtah die Betonreste des geborstenen Silos, in dem die hochexplosive Chemikalie über Jahre gelagert war fotografiert. Diese Ikone des Grauens. Und trotzdem ist es mehr als ein Nachrichtenfoto. Geradezu surreal fällt das Sonnenlicht auf den ockerfarbenen Schutt rund um die Ruine. Davor das Eisenskelett einer komplett entkernten Lagerhalle, nicht weit davon ein verrosteter Container mit der Aufschrift „
Hamburg-Süd“.

Trauer und entrückte Schönheit

Es sind meditative Bilder, die zum Eingedenken an die Opfer animieren und weniger Empörung als Trauer auslösen. Fassungslos lässt einen das Foto von einem zerwühlten Bett zurück, auf dem sich der Schutt zweier bei der Explosion zerborstenen Fenster türmt. Verstörend der Blick auf die Stadt durch zersprungenes Fensterglas, wodurch die Trümmer eine merkwürdig entrückte Schönheit verliehen bekommen.

Im Untergrund der Galerie ist also zu sehen, wovon oben niemand etwas zu ahnen scheint.

Amélie Losier zeigt den Berliner Alltag. Menschen, die auf Hausdächern grillen, eine Frau hat sich auf einem Parkdeck in die Sonne gelegt, zwei andere haben sich auf Sesseln auf dem Grünstreifen der
Karl-Marx-Allee niedergelassen. Bilder, die von Gelassenheit und Lebensfreude berichten.

Wie die Bilder, die

Marwan Tahtah in
Beirut aufgenommen hat, bevor es zum großen Knall kam – Menschen beim Bootfahren, Baden, sich entspannen. Bilder, die an die Freuden des Lebens erinnern.
Berlin-Beirut-Berlin. Fotografien von
Amélie Losier und Mawan Tahtah, AE-Galerie, Charlottenstr. 13,
Potsdam. Mi-Fr 15-16 Uhr, Sa 12-16 Uhr. 1. 10. bis 15.11.

Von

Mathias Richter