56. Theatertreffen in Berlin: Alle Gastspiele in Kurzkritiken

Berlin –

Findet jemand, dass zu viel Wind gemacht wird um das Theatertreffen? Diese aus Zeiten des Kalten Krieges stammende Kulturpackung für die Insel im Roten Meer (West-Berlin)? Ist es noch vertretbar, dass eine Jury, verfolgt von den Millionen bang entzündeten Augen des Betriebs, ein Jahr durch die deutschsprachigen Lande reist, dabei Tonnen von Kohlendioxid freisetzt, um dann doch nur ansatzweise das Theaterangebot durchforsten zu können? Ist es gerecht, dass die glorreichen Sieben mit ihrer Auswahl die Intendanten entweder über den TT-Stempel triumphieren lassen – oder in Verlegenheit bringen, weil sie zu Hause längst abgespielte Inszenierungen nicht nach Berlin schicken können? Die Antwort: Wir haben nichts Besseres, um das deutschsprachige Theater zu feiern.

In diesem Jahr hat es Ersan Mondtags Dortmunder „Internat“ erwischt. Zwar gibt es das Bühnenbild noch, wie der Intendant Kay Voges versichert, aber es für Berlin zusammenzubauen, sei nach eingehender Prüfung technisch nicht möglich. Das ist schade, weil Mondtag für diese Inszenierung den 3Sat-Preis gewonnen hat – und wir hätten gern gewusst, ob mit gutem Grund.

Nun, dann lesen wir hier ersatzweise die Kurzkritik. Die Berliner Zeitung respektiert die schmerzliche Mondtag-Entscheidung, hat selbst aber weder Aufwand noch die Zusammenarbeit mit dem Korrespondentennetz des Theaterportals nachtkritik.de gescheut, um wirklich alle zehn Gastspiele im Überblick zu präsentieren. Vielleicht werden hier nicht jedes bühnenbildnerische Detail, jede schauspielerische Leistung Erwähnung finden, und vielleicht wird nicht jedem Kunstwerk gutachterliche Gerechtigkeit widerfahren – aber Sie lernen das ganze Programm kennen und sparen viel Zeit. Die Spieldauer der Gastspiele würde im Ganzen nämlich beachtliche 31 Stunden und 20 Minuten betragen (mit „Internat“ 32’50’’). Bitteschön! Ulrich Seidler

Diese Theatertreffensonderseite ist entstanden in Zusammenarbeit mit dem Onlineportal nachtkritik.de

Berlin: Oratorium

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„Oratorium“

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Benjamin Krieg

Es gibt Performances, die ersticken an ihrem Konstrukt. „Oratorium“ geht es so, auch wenn es, wie stets bei She She Pop, radikal mit dem eigenen Alltag und dem Theater selbst experimentiert. Am Sonntag bekommen sie dafür den Theaterpreis Berlin. Das Experimentelle an „Oratorium“ versteift sich darauf, das Brecht’sche Lehrtheater auf die sprödeste Weise zu reenacten. Dafür treten die Performer und Gäste mit Standarten auf und teilen sich und das Publikum in Chöre, die bittere, aber bekannte Berichte über unsoziale Besitzverhältnisse von Schrifttafeln vorlesen. Da immer nur Publikumsteile, etwa Selbständige, Rentner, einen Chor bilden, entsteht zumindest ein Hör-Zensus daraus. Neue Einsicht keine. Doris Meierhenrich

München: Dionysos Stadt

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Dionysos Stadt

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Julian Baumann

Christopher Rüping schiebt mit „Dionysos Stadt“ ein Trojanisches Pferd nach Berlin. Denn Dionysos Stadt ist kein Stück, sondern ein zehnstündiges Theaterereignis, nachempfunden dem Geist antiker Dionysien. Es geht es um Prometheus’ Langeweile am Kaukasus, tausend bauchige Schiffe und wütende Troerinnen. Zu sehen ist die Orestie in tutto als Sitcom und der letzte heroische Akt unserer Zeit: Der Kopfstoß Zinedine Zidanes. Brillant an „Dionysos Stadt“ ist nicht nur der unverkrampfte Umgang mit antiken Topoi, sondern die große Theatererfahrung selbst, die einen irgendwann selbst verschluckt wie ein Trojanisches Pferd. In dieser Zeitkapsel von einem Stück, von aller Zeitlichkeit abgeschottet. Maximilian Sippenauer

Dortmund: Das Internat

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„Das Internat“ 

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Birgit Hupfeld

Die Bühne dreht sich, und mit ihr drehen sich auch die Spieler. Aus der Spirale der Gewalt gibt es kein Entkommen. Das Theater wird in Ersan Mondtags schwarzromantischer Internatsfantasie zur Folterkammer, in der es nichts als Drill, Erniedrigung, Schmerz und Rache gibt. Das Leben ein Albtraum, die Welt eine Hölle auf Erden. Es wäre zum Verzweifeln, wäre da nicht noch die comic-artige Ästhetik des Bühnenbilds und der Kostüme. Wie einst Heiner Müller lehrt uns der für diese Inszenierung mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnete Mondtag das Lachen angesichts des Entsetzens. Leider  nicht beim Theatertreffen, das die in Dortmund längst abgespielte Inszenierung aus technischen Gründen  nicht zeigen kann. Sascha Westphal

Dresden: Erniedrigte und Beleidigte

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„Erniedrigte und Beleidigte“ 

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Sebastian Hoppe

Ein echter Hartmann. Mit Musik, bildender Kunst und Fremdtexten, die als Gebrauchssanleitung taugen. Surrealismus, Psychoanalyse, die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, die „Sozialfunktion des Asozialen“ − alles hat mit allem zu tun. Dostojewski werde, so das Programm, „denaturalisiert“ und einem „Wirklichkeitsbombardement“ unterzogen. Ein live entstehendes Gemälde von Tilo Baumgärtel ist das Sinnbild des Abends, es wird gesprayt, gemalt, übermalt, Schicht für Schicht aufgetragen, mit Projektionen aufgefüllt. So wie auch das Stück erst am Ende in all seinen Schichten, Übermalungen und Exkursen als Stück erkennbar ist. Dichte drei Stunden mit einem Ensemble, das spielt, als ginge es um alles. Matthias Schmidt

Dresden: Das große Heft

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„Das große Heft“

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Sebastian Hoppe

Rammstein und Galeerensklaven“, witzelt jemand in der Premierenpause. Die formale Zurschaustellung von Männlichkeit, die Faszination des Virilen und der maskulin-physischen Belastungsgrenze ist kein Zufall. Eine Ästhetik des Totalitären ist zugange, wenn Ulrich Rasche Ágota Kristófs „Das große Heft“ in seine Scheibenwelt verlegt. Stahlblätter kreisen, soldatische Körper marschieren. Monotone Bewegungs- und Sprechchöre werden immer neu montiert. Unbehagen kommt auf, wenn man sich bewusst wird, vom Gleichklang eingelullt zu werden. Masse und Mantra verführen dazu, in meditativer Deprivation zu versinken. Ein bombastisch-sinnlicher Zugang zur Barbarei, der lange nachhallt. Tobias Prüwer

Berlin: Persona

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„Persona“

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Arno Declair

Kunst der mindestens dritten Ordnung kriegt man mit diesem Ingmar-Bergman-Abend aufgedrückt. Kunst, die angeekelt das Leben unterläuft, sich immer schön am Rand der Existenzialität selbst zerstört. Hier wird nicht gefühlt oder vom Fühlen erzählt, hier wird am Gestalten des Nichtfühlenkönnes gelitten. Das macht auch das Zusehen zur Qual, die man, diese Gewissheit schiebt sich im Laufe des Abends immer penetranter unter die Haut, verdient hat, weil man mitunter Freude am Leben empfindet. Corinna Harfouch spielt die Pflegerin Alma, die der verstummten Großschauspielerin (gespielt von Karin Lithman) auf die Pelle rückt − und in einer wassertriefenden verspiegelten Muschel abperlt. Ulrich Seidler

Basel: Tartuffe

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Tartuffe 

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Priska Ketterer

Was für ein Quatsch − wäre da nicht das Kleingedruckte! Der Autorensänger PeterLicht weichzeichnet Molières „Tartuffe“ im Dienste der „Basler Dramaturgie“, und Regisseurin Claudia Bauer, die schon „Der Menschen Feind“ inszenierte, lockert kurz vor knapp den Diskursschwitzkasten. Eine Familie herrlich schwatzhafter Sorgenpüppchen findet die Welt „mitnichten geil“ und verfällt einem „hundskommunen Sex-Schamanen“. PeterLichts Pop-Reflexzonen-Absorptionswärme scheuert an der Zuschauerkopfhaut, derweil sich das Workshop-Schwein „Tüffi“ einen großen Penis beim Kapitalismus ausleiht und mit Matsch und Posaune den gelutschten Drops zu Ende frikassiert. Und dann? Da capo! Maximilian Pahl

Wien: Hotel Strindberg

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„Hotel Strindberg“ 

Foto:

Sandra Then

Eine neue Dramedy aus Simon Stones True-Classic-Serie zum Binge-Watchen.  Wiedergänger aus Strindberg-Stücken treffen in einem gläsernen Hotel aufeinander. State-of-the-art des kritischen Aus-Alt-mach-Neu oder seichte Schaumschlägerei? Jedenfalls ein toller Bühnenzauber: Nur neun Schauspieler geben dreißig Figuren, die simultan ihre Dramen austragen! Spätestens wenn sich Caroline Peters und Martin Wuttke in einem sturzbesoffenen Körper- und Seelenstriptease durch sämtliche Zimmer prügeln, ist das Niveau, unter dem man sich unterhält, in höherem Sinne schnuppe. Peters wurde für diese Sternstunde der Komik der Nestroy-Preis und der Titel „Schauspielerin des Jahres“ verliehen. Gabi Hift

Berlin: Unendlicher Spaß

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„Unendlicher Spaß“

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David Baltzer

Unser im Herbst gestorbener Kollege Dirk Pilz war es, der Thorsten Lensing auf die Idee brachte, David Foster Wallaces 1500-Seiten-Epos „Unendlicher Spaß“ auf die Bühne zu bringen. Er hat nicht mehr erlebt, wie die Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen wurde. Was für ein unüberblickbares Ideenkonvolut! Allein die Fußnote mit dem Werkverzeichnis von Tennisakademie-Gründer James O. Incandenza, genannt Himself, bietet Filmideen, die nicht nur ihre Verwirklichung, sondern auch ihre Theaterübersetzung lohnen würden. In Lensings Inszenierung stehen Himselfs drei Söhne im Zentrum, gespielt von Ursina Lardi, André Jung und Devid Striesow. Essenzielles Theater, das einen auf die Grundfragen wirft. Ulrich Seidler

Zürich: Girl From the Fog Machine Factory

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„Girl From the Fog Machine Factory“ 

Foto:

Sandra Then

 Thom Luz und den Nebel verbindet eine große Liebe seit je. Hier geht der Schweizer Regisseur geradewegs in die Höhle seines Löwen: die Nebelmaschinenfabrik. Sie verfügt über ein Sortiment von der zigarettenschachtelgroßen Handnebelmaschine bis zur vielstimmigen Nebelpfeifenorgel und mutet an wie ein Gegenbild zu Welttüchtigkeit, Effizienz, Leistungsgesellschaft. Luz kommt auf den Verpuffungspunkt, was er schon immer zu fassen suchte: die Beiläufigkeit des Schönen. Das Festhalten am Schein. Das Stück ist strukturell als musikalisches Nebelbild angelegt, mit Exposition, Durchführung und Variationen, die zunehmend unscharf werden und sich endlich in flüchtigen Schwaden auflösen. Andreas Klaeui

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  3. München: Dionysos Stadt
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  5. Dresden: Erniedrigte und Beleidigte
  6. Dresden: Das große Heft
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  8. Basel: Tartuffe
  9. Wien: Hotel Strindberg
  10. Berlin: Unendlicher Spaß
  11. Zürich: Girl From the Fog Machine Factory